Thesen zu Social Software

Im Folgenden einige Thesen zum Thema Blogs / Social Software ohne ausdrücklichen Anspruch auf Neuheit oder Widerspruchsfreiheit:

1. Blogs sind Gespräche. Die gesamte Infrastruktur der Blogosphäre ist auf die Erzeugung von Kommentaren ausgelegt. Jeder Kommentar ist ein Beitrag zu einer Konversation, jedes neue Posting ein Angebot, ein neues Gespräch anzufangen oder ein bestehendes zu verzweigen (im Sinne von „forken„.)

2. Blogs sind ein Teil des Strebens nach der größtmöglichen Ausdrucksmöglichkeit der größtmöglichen Zahl (von Menschen mit Internet-Zugang).

3. Kommende Generationen werden – und das ist keine besonders riskante Behauptung – auf uns zurückblicken und unsere naiven, „authentischen“ und spontanen – im Gegensatz zu strategisch geplanten – Formen der Selbstdarstellung belächeln, allerdings nicht mit diesem Worten, denn „Authentizität“ und „Spontaneität“ werden auf absehbare Zeit hoch im Kurs bleiben (wenn nicht sogar – ausgestattet mit ständig sich anpassender Bedeutung – im Kurswert steigen).

4. Ebenso wird sich die Praxis der Selbstdarstellung in immer ausgefeilterer Weise – online und offline – verbreiten.

5. Womöglich verändert das die Standards dessen, was salonfähig wird. Wenn die Verbindungsparty-Exzesse des Personalchefs im Jahr 2030 ebenso abrufbar sind wie die des Bewerbers, ist Augenhöhe wiederhergestellt.

6. Dies könnte entweder zu einer größeren Toleranz im Umgang mit „privaten“ Offenbarungen führen oder aber sich so auswirken, dass es verpönt sein oder als taktlos gelten wird, Menschen auf ihre MySpace-Seite von vor 20 Jahren anzusprechen.

7. Womöglich wird es ein Nutzungsmuster geben, das sich mit „im großen Bogen zurück an den Anfang“ betiteln lässt: So dass etwa Nutzer, die sich von traditionellen Medien zunächst abgewandt haben, unter neuen Vorzeichen und mit gewachsener Medienkompetenz dazu zurückkehren – und dann beispielsweise Zeitschriften als gedruckte Blogs, das Fernsehen als weniger anstrengendes YouTube wahrnehmen / nutzen.

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März 26, 2007. Internet, Social Software, web2.0.

4 Kommentare

  1. connaisseur replied:

    2 recht schnell hingeworfene Kommentare:
    ad 1.: „Konversation“ ist synonym mit „Gespräch“, also die verbale Kommunikation zwischen Personen. Wenn man annimmt, dass die Nutzung von social software durch gegenwärtige Jugendliche exemplarisch für zukünftige Nutzungsformen ist (ich könnte mir genauso gut denken, dass sie schlicht jugendspezifisch ist), dann fällt vor allem die ausgeprägte Verwendung und Zirkulation von Bildern auf. Da drängt sich mir die Frage auf, ob man solche Bloggespräche überhaupt als mögliches kommunikatives Handeln (so richtig Habermasmäßig: Herstellung intersubjektiver Wahrheit usw.) auffassen kann, oder ob die „bloggespräche“ nicht größtenteils rituell und mythisierend sind und vor allem der Selbstbestätigung dienen.

    ad 5. „Augenhöhe“ herrscht zwischen Personalchef und BEwerber wahrscheinlich auch 2030 nicht.

  2. Surribee replied:

    Schließe mich sowohl meganils als auch connaisseurs Ausführungen an, möchte noch folgendes einwerfen, was wir im Oberseminar diskutierten (so schöne Sachen machen wir da nämlich):
    1.Führt die größtmögliche Ausdrucksmöglichkeit etc. zu einer Nivellierung der Hierarchien und Eliten (jeder ist ein Künstler, Designer, Selbstvermarkter, Journalist etc) oder werden sich zwangsläufig neue Eliten bilden? Und wie werden die aussehen?
    2.Ändert sich durch die social software auch das persönliche Kommunikationsverhalten zwischen zwei „real“ anwesenden Menschen? Gewinnt es an Wertigkeit oder verliert es? Ändert sich überhaupt was? Verlagern sich einfach die Themen Wohin? Wie wichtig sind Dinge wie Körpersprache, Mimik und nicht digital gefilterte Sprache noch?
    Und 3. Wie beeinflusst die Rezeption die Darstellung,und kann der User so auch auf traditionell geschlossene Medien zu greifen (Foren, die Lost diskutieren, haben sicher auch Einfluss auf manche Entscheidungen der Dreh buchschreiber, um ein ganz banales Beispiel zu nennen. Ok, genug geschwafelt. Grüße von Surribee

  3. meganils replied:

    connaisseur: Danke für den Hinweis auf altersspezifische Nutzungsweisen. Außerdem: Bei der Rede von „Gespräch“ ist in der Tat das Nonverbale mitzudenken. Interessant wäre da auch ein Versuch, kommunikationswissenschaftliche / rhetorische Theorien nonverbaler Kommunikation anzuwenden.

    Inwieweit sich auf Bloggespräche ein Habermas’scher Diskursbegriff anwenden lässt, vermag ich nur ansatzweise zu beurteilen. Ich denke aber: eher nein.
    Zudem muss da derdie Betrachterin nach Rahmen und Gesprächszweck unterscheiden. Emopostings à la Emo_90 haben einen andere (oder zumindest anders gewichtete) kommunikative Zwecke als beispielsweise die Postings in diesem Blog.

  4. meganils replied:

    surribee:
    1. Jeder ein Künstler? Vielleicht, aber bei den meisten Leuten wird nach wie vor bestenfalls Kunsthandwerk rauskommen. Hunderttausende von Bands auf MySpace sind aus guten Gründen unbekannt. (Andere sind allerdings auch gut und würden ohne das Internet vielleicht nicht ihr Publikum finden)

    2. Würde ich klar mit ja beantworten. Insbesondere halte ich jeden „Wir sitzen ja alle nur noch vor dem Computer und haben gar keine echten Freunde mehr“-Diskurse für fehlgeleitet. Es wird Ersetzungen geben, vor allem bei ähnlicher Funktion (E-Mail statt Brief), aber die Geschichte zeigt, dass selten Medien komplett untergehen. Und dann gibt es ja dann immer noch den Aspekt, dass Onlinekommunikation auch offline-Freundschaften / Beziehungen unterstützen kann (z.B. auf Distanz, Stichwort Telepräsenz, Stichwort „Instant Messenger ist wie wenn jemand bei einem ist und ab und zu sagt man mal was“)

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